Irgendwie kursierte immer der Spruch: "Hast du Kummer mit den deinen, trink dich einen,
ist der Kummer dann vorbei, trink dich zwei."
Aber Alkohol ist keine Lösung. Man ist höchstens für eine kurze Zeit euphorisch, man glaubt, daß man jedes Problem in den Griff kriegt und ist der Rausch dann verflogen, sitzen die Probleme wie schwarze Krähen auf deiner Schulter und du hockst wieder in deinem tiefen Loch.
Und wenn du außerdem keine verständige Freundin oder Freund hast, bei dem du deinen Seelenkäse auf die Leine hängen kannst, dann gibt es nur eins.
Schaff dir eine oder mehrere Katzen an.
Unser Leben war von Tieren begleitet. In Wilhelmshaven hatten wir einen Hund. Eine Promenadenmischung aus Dackel und Coccerspaniel, die wir Anka getauft hatten. Als Wachhund war sie nicht zu gebrauchen. Vor schwarzen Gestalten auf Litfaßsäulen kriegte sie es mit der Angst zu tun, ebenso vor den noch in Kriegszeiten an den Hauswänden gemalten Warnungen vor dem Kohlenklau, der schwarz und bucklig einen schweren Kohlensack abschleppen wollte.
Wir waren natürlich auf Erziehung und Disziplin bedacht und sie sollte nicht bei uns im Bett schlafen. Und bei jedem bettelnden Versuch, schoben wir sie eisern wieder fort. Wenn wir allerdings im Kino waren und nach ein paar Stunden zurückkamen, saß Anka zwar brav und unschuldig im Flur, aber die Bettdecke hatte eine tiefe Delle und die war noch warm. Oder sie holte sich von uns Strümpfe und Hausschuhe, trug ihre Tropäen in ihr Körbchen, um sich darin einzukuscheln, so gut es ging.
Eines nachts tobte mal wieder ein heftiges Gewitter über der Stadt und Anka winselte und weinte voller Angst vor meinem Bett, stand auf den Hinterfüßen und hatte die Vorderfüße schon auf meine Bettkante gestellt. Mein Herz wurde weich, ich klopfte auf die Decke und mit einem schwanzwedelnden freudigen Satz war sie unter meiner Bettdecke verschwunden, um sich an meinen Bauch zu kuscheln. Ein auch für mich angenehmes Gefühl. Anka glaubte wohl, sie hätte jetzt eine Dauerkarte gelöst und sprang nun jeden Abend wie selbstverständlich auf mein Bett und ich brachte es auch nicht fertig, sie wieder ins feindliche Leben hinauszuwerfen.
Bei unserem Umzug nach Hamburg mußten wir sie schweren Herzens bei meinen Schwiegereltern zurücklassen, weil wir in unserer neuen Wohnung keine Haustiere mitbringen durften und wir auch tagsüber nicht zu Hause waren. Da Anka tagsüber sowie so immer bei meinen Schwiegereltern war, hofften wir, sie würde uns nicht so vermissen. Aber immer, wenn wir zu Besuch kamen, hüpfte sie auf ihren Hinterpfoten wie irre um unseren Wagen herum und wich uns nicht mehr von der Seite. Und jetzt waren wieder sämtliche Regeln außer Kraft gesetzt. Sie setzte sich wieder ganz selbstverständlich zwischen uns aufs Sofa, obwohl sie das bei meiner Schwiegermutter nicht durfte. Doch jetzt war sie taub für jede Ermahnung. Ihre echten Herrchen und Frauchen waren ja wieder da.
Und wenn wir wieder abreisen mußten, lag sie schon Stunden vorher todtraurig unter der Flurkommode, weil sie wußte, wir würden sie nicht mitnehmen.
Irgendwann teilte uns meine Schwiegermutter mit, sie hätte Anka einschläfern lassen müssen aus mir unbekannten Gründen. Ich habe vorsichtshalber nicht nachgehakt. Die Trauer war schon so groß genug.
Und wir denken immer noch an sie, vor allem, wenn uns eine gleiche Promenadenmischung über den Weg läuft. Doch Anka ist hoffentlich im Hundehimmel und tobt dort mit ihren neuen Freunden umher und mit Herrchen, der ihr inzwischen gefolgt ist.
In Hamburg kamen wir dann zu den Katzen wie die Jungfrau zum Kind.
Die erste wurde uns von einer Kollegin zugeführt, die einen ganzen Wurf Katzen vor dem Ersäufen im Teich gerettet hatte und nun nach Pflegeeltern suchte. Meine Kollegin wohnte außerhalb von Hamburg und so fuhren wir hin, um die für uns ausgesuchte Katze abzuholen. Die Auswahl hatten wir ihr überlassen.
Und dann sahen wir das Häufchen Elend, das sich auf ihrem großen französischen Bett bis ganz in die Mitte verkrümelt hatte in der Hoffnung, dort wäre sie vor Übergriffen sicher. Ein schwarz/weißes kleines Etwas, dem man auch noch seines ganzen Stolzes beraubt hatte, nämlich seiner Barthaare, die es ja dringend brauchte, weil die Barthaare wie Antennen und Sensoren ihren Trägern den Weg
weisen.
Meine Kollegin fürchtete schon, wir würden dieses verhunzte Wesen nicht haben wollen, aber gerade dieser Defekt ließ unser Mitleid überfließen und natürlich nahmen wir sie mit nach Hause
und gaben ihr den Namen M i n k a



